Ulcus cruris (offenes Bein): Was die aktuelle Evidenz zur Behandlung wirklich sagt
Ein Ulcus cruris – umgangssprachlich „offenes Bein“ oder „offener Fuß“ – ist eine chronische Wunde am Unterschenkel, die nicht oder nur sehr langsam heilt. Betroffene leiden oft über Monate oder Jahre an Schmerzen, Juckreiz, Ödemen und einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität. Die gute Nachricht: Mit der richtigen, leitliniengerechten Behandlung heilt ein offenes Bein in den meisten Fällen ab – vorausgesetzt, die zugrunde liegende Ursache wird mitbehandelt.
In diesem Beitrag fassen wir als spezialisiertes Team für Wundmanagement in Wien zusammen, was die aktuelle wissenschaftliche Evidenz – allen voran die deutschsprachige S2k-Leitlinie 2024 und mehrere systematische Übersichtsarbeiten (Cochrane) – zur Wundbehandlung beim Ulcus cruris belegt. Und genauso wichtig: wo die Studienlage noch dünn ist.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose. Eine offene Wunde am Bein sollte immer professionell abgeklärt werden.
Was ist ein Ulcus cruris?
In der Medizin bezeichnet ein Ulcus (auch Ulkus) eine tiefe, schlecht heilende Wunde. Beim Ulcus cruris liegt diese Wunde am Unterschenkel – seltener am Fuß selbst. Gilt eine Wunde nach acht Wochen als nicht abgeheilt, sprechen Fachleute von einer chronischen Wunde.
Hinter einem offenen Bein steckt fast immer eine Durchblutungsstörung. Man unterscheidet im Wesentlichen drei Formen:
- Ulcus cruris venosum – mit Abstand die häufigste Form (rund 70–90 % aller chronischen Unterschenkelgeschwüre). Ursache ist eine chronisch-venöse Insuffizienz (CVI): Defekte Venenklappen behindern den Blutrückfluss zum Herzen, das Blut staut sich, es bilden sich Ödeme, und die Haut wird schlechter mit Sauerstoff versorgt.
- Ulcus cruris arteriosum – verursacht durch eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). Verengte oder verschlossene Arterien führen zu Sauerstoffmangel im Gewebe. Diese Form macht etwa 5–10 % der Fälle aus.
- Ulcus cruris mixtum – eine Mischform mit venöser und arterieller Komponente.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen mit Gefäßerkrankungen wie Krampfadern oder Arteriosklerose; am häufigsten betroffen sind Frauen über 75 Jahre.
Der wichtigste Schritt: zuerst die Ursache abklären
Bevor eine Wunde überhaupt sinnvoll versorgt werden kann, muss geklärt werden, welche Ursache dahintersteckt. Das ist nicht nur eine medizinische Formalität – es entscheidet darüber, welche Therapie sicher ist.
Der zentrale Untersuchungsschritt ist die Messung der arteriellen Durchblutung, etwa mit dem Doppler-Ultraschall und der Bestimmung des Knöchel-Arm-Index (ABI). Warum das so wichtig ist: Eine Kompressionstherapie ist beim venösen Ulkus die Basisbehandlung – bei einer ausgeprägten arteriellen Verschlusskrankheit kann zu starker Druck jedoch schaden. Erst die Diagnostik macht die Behandlung sicher.
Kompressionstherapie: die best-belegte Basisbehandlung
Wenn es eine Maßnahme gibt, die durch die Evidenz klar getragen wird, dann ist es die Kompressionstherapie beim venösen Ulcus cruris. Sie ist laut der aktuellen S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (Stand Januar 2024) die konservative Basistherapie – und soll nach Ausschluss von Gegenanzeigen bei allen Betroffenen mit venösem Ulkus eingesetzt werden.
Was Kompression bewirkt:
- Schnellere Wundheilung. Cochrane-Übersichtsarbeiten und klinische Studien zeigen übereinstimmend, dass ein venöses Ulkus unter Kompression deutlich schneller abheilt als ohne. Mehrlagige bzw. Systeme mit hohem Anpressdruck schneiden dabei am besten ab.
- Entstauung der Ödeme und Unterstützung des venösen Blutrückflusses.
- Schmerzlinderung.
- Rückfallschutz (Rezidivprophylaxe). Nach Abheilung ist das konsequente Tragen von Kompressionsstrümpfen der entscheidende Faktor, um ein erneutes Aufbrechen der Wunde zu verhindern.
Wichtig zu wissen: Auch bei einer leichten bis mittelschweren begleitenden pAVK ist Kompression nicht automatisch tabu. Laut Leitlinie kann sie unter Auflagen erfolgen, solange der ABI über 0,5 bzw. der absolute Knöchelarteriendruck über 60 mmHg liegt und keine weiteren Gegenanzeigen vorliegen. Moderne adaptive Kompressionssysteme mit kontrollierbarem Druck haben hier neue Möglichkeiten eröffnet. Die individuelle Einschätzung gehört jedoch immer in fachkundige Hände.
Aus der Praxis: Studienauswertungen zeigen, dass etwa jede vierte betroffene Person keine leitliniengerechte Kompression erhält. Genau hier liegt großes ungenutztes Potenzial – eine fachgerecht angepasste Kompression ist oft der Unterschied zwischen einer Wunde, die heilt, und einer, die bestehen bleibt.
Die Ursache behandeln: Venentherapie beschleunigt die Heilung
Eine Kompression hält den Zustand stabil – die zugrunde liegende Venenschwäche bleibt aber bestehen. Hier setzt die kausale Therapie an.
Ein wichtiger Beleg ist die EVRA-Studie (publiziert im New England Journal of Medicine, 2018). In dieser großen, randomisierten Studie mit 450 Betroffenen zeigte sich: Wird ein krankhafter oberflächlicher Venenrückfluss früh mittels endovenöser Verfahren (z. B. Ablation) behandelt – zusätzlich zur Kompression –, so heilen die Wunden schneller ab und die Betroffenen haben über das Jahr mehr wundfreie Zeit als bei einer erst später durchgeführten Behandlung. Die Heilungsrate nach 24 Wochen lag in der früh behandelten Gruppe höher, und auch die Rückfallrate war geringer.
Die Konsequenz für die Praxis: Bei einem venösen Ulcus cruris lohnt es sich, frühzeitig abklären zu lassen, ob eine Venenbehandlung sinnvoll ist – nicht erst, wenn die Wunde abgeheilt ist.
Moderne Wundversorgung: worauf es ankommt
Rund um Wundauflagen kursieren viele Versprechen. Die ehrliche, evidenzbasierte Einordnung lautet: Es gibt keinen überzeugenden Beleg, dass eine bestimmte moderne Wundauflage grundsätzlich besser heilt als eine andere. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten kommen übereinstimmend zu diesem Schluss. Entscheidend ist nicht das „Wundermittel“, sondern die fachgerechte Auswahl passend zum Wundzustand.
Bewährte Prinzipien der modernen Wundversorgung:
- Feuchte Wundheilung. Ein ausgewogen feuchtes Wundmilieu unterstützt die Heilung besser als das Austrocknen.
- Exsudatmanagement. Stark nässende Wunden brauchen saugfähige Auflagen (z. B. Schaumverbände, Alginate), trockene eher feuchtigkeitsspendende.
- Débridement – das Entfernen von abgestorbenem Gewebe und Belägen. Fachleute und Leitlinien empfehlen es, um die Heilung zu fördern; die Datenlage aus randomisierten Studien zum direkten Heilungsvorteil ist allerdings noch begrenzt. In der Praxis ist eine saubere Wundgrundlage dennoch eine wichtige Voraussetzung.
- Antiseptika und silberhaltige Auflagen nur gezielt bei klinischen Zeichen einer Infektion – nicht vorbeugend. Die Evidenz für einen pauschalen Einsatz ist uneinheitlich.
Kurz gesagt: Die Wundauflage ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Kompression und Ursachenbehandlung. Genau das macht professionelles Wundmanagement aus – die Auflage wird laufend an die Wundphase angepasst.
Was Betroffene selbst tun können
Die Behandlung gelingt am besten als Zusammenspiel aus Fachversorgung und aktiver Mitarbeit. Hilfreich sind:
- Bewegung – regelmäßiges Gehen aktiviert die „Muskelpumpe“ der Wade und unterstützt den venösen Rückfluss.
- Beine hochlagern, um Ödeme zu reduzieren (gilt für die venöse Form; bei arteriellen Wunden ist das Hochlagern oft unangenehm und sollte ärztlich besprochen werden).
- Konsequente Kompression – auch wenn sie anfangs ungewohnt ist.
- Hautpflege des Unterschenkels, um Risse und neue Eintrittspforten zu vermeiden.
- Begleiterkrankungen behandeln – etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht, die die Heilung erschweren.
Unser Behandlungsansatz in Wien
Als Team aus diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger:innen sowie zertifizierten Wundmanager:innen in Wien begleiten wir Sie durch den gesamten Heilungsprozess – von der Einschätzung über den fachgerechten Verbandwechsel bis zur Rezidivprophylaxe. Wir arbeiten leitliniengerecht, eng mit Ärztinnen und Ärzten abgestimmt und mit einem ganzheitlichen Blick auf Ihre individuelle Situation.
Ergänzend bieten wir – als Baustein neben der klassischen Wundversorgung – auch innovative Verfahren wie die Low-Level-Lasertherapie an, die unterstützend zur Förderung der Gewebeheilung und zur Schmerzlinderung eingesetzt werden kann. Welche Kombination für Sie sinnvoll ist, klären wir gemeinsam in einem persönlichen Beratungsgespräch.
👉 Mehr über das Krankheitsbild erfahren Sie auf unserer Seite Ulcus cruris / offener Fuß. Informationen zu unserer Versorgung finden Sie in der Wundpraxis 1030.
Leiden Sie an einem offenen Bein? Lassen Sie sich jetzt unverbindlich beraten – wir unterstützen Sie auf dem Weg zur Heilung. ☎
Häufige Fragen zum Ulcus cruris (FAQ)
Wie lange dauert die Heilung eines Ulcus cruris? Das hängt stark von Ursache, Wundgröße, Begleiterkrankungen und der konsequenten Behandlung ab. Manche Wunden heilen in einigen Wochen, andere brauchen Monate. Entscheidend ist die durchgängige, leitliniengerechte Versorgung – insbesondere die Kompression.
Ist Kompression bei jedem offenen Bein erlaubt? Nein. Bei einer ausgeprägten arteriellen Verschlusskrankheit kann starke Kompression schaden. Deshalb muss vorab die Durchblutung – etwa per Doppler-Ultraschall und ABI – abgeklärt werden.
Heilt ein Ulcus cruris von selbst wieder ab? In aller Regel nicht. Da fast immer eine Grunderkrankung (Venen- oder Arterienproblem) dahintersteckt, ist eine gezielte Behandlung nötig. Unbehandelt droht ein chronischer, immer wiederkehrender Verlauf.
Kommt das offene Bein nach der Heilung wieder? Das Rückfallrisiko ist hoch, wenn die Ursache unbehandelt bleibt. Konsequentes Tragen von Kompressionsstrümpfen und – bei venöser Ursache – ggf. eine Venenbehandlung senken das Rezidivrisiko deutlich.
Welche Wundauflage ist die beste? Es gibt keine pauschal „beste“ Auflage. Sie wird individuell an Wundzustand und Heilungsphase angepasst. Wichtiger als das Produkt sind Kompression und Ursachenbehandlung.
Quellen (Auswahl): S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum“, DGPL, Stand 01/2024 (AWMF 037-009); Gohel MS et al., EVRA-Studie, New England Journal of Medicine 2018; Cochrane-Übersichtsarbeiten zu Kompression, Wundauflagen und Débridement bei venösen Ulcera. Stand der Recherche: Juni 2026.